Ausbildung der beiden österreichischen Kandidaten

Persönliche Eindrücke der österreichischen Kosmonauten
Dr. Clemens Lothaller und Dipl.-Ing. Franz Viehböck (Mai 1991)

Seit 8. Jänner 1990 leben wir im Sternenstädtchen, dem sowjetischen Ausbildungszentrum für Kosmonauten. Dieses Städtchen, in dem zur Zeit etwa 3000 Einwohner wohnen, wurde vor 30 Jahren ca. 40 km nordöstlich von Moskau in militärischem Sperrgebiet errichtet. Durch den umgebenden Wald spüren wir hier die schädlichen Umweltbeeinflussungen der Großstadt Moskau nicht mehr. In unmittelbarer Nähe von uns befindet sich ein großer Militärflugplatz, auf dem leider auch nachts manchmal reger Flugverkehr herrscht.

Das Sternenstädtchen ist unterteilt in ein Wohnviertel und den reinen Ausbildungsbereich. In diesem befinden sich die Simulatoren für das Transportraumschiff Sojus, das Trainingsmodell der Raumstation MIR, ein großes Wasserbecken, in dem unter Wasser für Weltraumausstiege trainiert wird, die Humanzentrifuge, die Sportanlagen und eine Reihe weiterer Gebäude, in denen Ärzte, Techniker und andere Spezialisten arbeiten.

Im Wohnbereich des Städtchens bieten ein Kino, drei Seen und viel Wald Möglichkeiten zur Erholung. Neben den Kosmonauten leben hier die Techniker, Ärzte, Lehrer und sonstiges Personal, das in der Ausbildung für die Kosmonauten involviert ist. Die bereits geflogenen Kosmonauten, die alle Helden der Sowjetunion sind, und die Ausländer wohnen in zwei separaten Wohnhäusern mit größeren und komfortableren Wohnungen. In diesen Gebäuden leben wir gemeinsam mit vielen berühmten Raumfahrem, so z. B. mit Alexej Leonov, dem ersten Menschen, der einen Weltraumausstieg machte, oder Valentina Tereschkova, der ersten Frau im Weltall. Auch die Familie des ersten Menschen im Weltraum überhaupt, Juri Gagarin, besitzt noch eine Wohnung hier. Wir bezogen je eine 70 m2 große Wohnung mit drei Zimmern, Küche, Bad, WC und zwei Balkonen. Diese Wohnungen sind für sowjetische Verhältnisse bereits absoluter Luxus. Für die Lebensmittelversorgung stehen den Einwohnern vier verschiedene Geschäfte zur Verfügung, in denen sie entsprechend ihres militärischen Ranges oder ihrer Position einkaufen können. Je nach Priorität des Geschäftes ist auch die Ausstattung mit Produkten. Zum Glück werden die ausländischen Kosmonauten mit den geflogenen sowjetischen Kollegen hier in die höchste Klasse eingestuft, womit uns die Lebensmittelversorgung etwas leichter fällt als den anderen Bürgern. In schwierigen Zeiten der Versorgung war aber auch in diesem Geschäft nichts zu bekommen. Somit blieben als Ausweg nur mehr zwei Devisensupermärkte in Moskau und die Versorgung mit Lebensmitteln aus der Heimat.

Unsere Ausbildung begann gleich nach der Ankunft hier im Sternenstädtchen. Im täglichen Programm ist um sieben Uhr Morgensport vorgesehen, der ca. 45 Minuten dauert. Von 9 - 18 Uhr finden die Unterrichtseinheiten mit einer Stunde Mittagspause statt. Anfangs mußten wir die Mahlzeiten in der Kosmonautenkantine einnehmen, nach einiger Zeit aIlerdings gestatteten uns unsere Ärzte zu Haus zu essen. Uns war das sehr recht, da man die allgemein schlechte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln auch in der Kantine merkte.

Jeden zweiten Tag sind zwei Stunden Sport eingeplant. Auf körperliche Aktivität wird hier großer Wert gelegt. Wir finden hier ausgezeichnete Bedingungen vor, um uns körperlich fit zu halten. Es gibt eine Schwimmhalle, eine Turnhalle, eine Kraftkammer, eine Sauna und Tennis- und Fußballanlagen sowohl im Freien als auch in der Halle. Das sportliche Programm stellt unser Trainer zusammen und es umfaßt sowohl Ausdauertraining wie Laufen, Schwimmen oder im Winter Schilanglaufen, als auch Krafttraining oder sportliche Spiele und selbstverständlich spezielles Training für den Raumflug. Dazu gehören Trampolinspringen und spezielle Turnübungen für das Gleichgewichtsorgan. Die Verschiebung von Körperflüssigkeiten in den Kopf, verursacht durch die Schwerelosigkeit, führt, insbesondere in den ersten Tagen eines Raumfluges, zu Kopfschmerzen. Daher trainieren wir, auf einer Pendelliege kopfabwärts liegend, den Kreislauf und die Gefäße, speziell der oberen Körperregionen. Unser Leistungszustand wird vierteljährlich von unserem Sportlehrer kontrolliert, und somit kann er das Trainingsprogramm entsprechend den Anforderungen ändern.

Die ersten vier Monate lernten wir mit einer Universitätslehrerin intensiv Russisch, da das Verstehen der russischen Sprache eine Voraussetzung für die weiteren Vorlesungen war, die natürlich alle in Russisch abgehalten werden. Untertags hatten wir bis zu acht Stunden Russischunterricht und abends waren wir mit Hausübungen und Vokabellernen beschäftigt. Freizeit konnten wir in dieser Zeit praktisch keine genießen. Nach diesem Intensivkurs wurde die Anzahl der Unterrichtsstunden pro Woche reduziert, und wir erhielten die ersten theoretischen Vorlesungen.

In kosmischer Medizin hörten wir sowohl über das Verhalten des Organismus bei verschiedenen Druck- und Sauerstoffverhältnissen, die Weltraumkrankheit, die Probleme des menschlichen Organismus in der Schwerelosigkeit, die einwirkende Strahlung in der Raumstation, als auch über die psychologischen Aspekte eines Weltraumfluges. Die Flugtheorie behandelte den ganzen Ablauf eines Raumfluges vom Start der Rakete über Änderungen des Orbits, Andocken an die Station bis zum Landevorgang. Anfangs hatten wir einige Probleme, die Verhältnisse im Weltall richtig zu verstehen. Die Tatsache, daß ein Raumschiff beschleunigt und dieses dabei langsamer wird, bereitete uns einiges Kopfzerbrechen. In dem Gegenstand Steuerungssysteme lernten wir über die verschiedenen Methoden der Orientierung des Raumschiffes und der Raumstation.

Nach dem Abschluß jedes Gegenstandes mußten wir eine Prüfung vor einer mehrköpfigen Kommission ablegen. Das war schon recht eigenartig, als wir einmal zu zweit vor einer dreizehnköpfigen Kommission eine Prüfung ablegten. Diesen theoretischen Gegenständen folgten eher praktisch orientierte Vorlesungen, die auch schon mit Trainingseinheiten in den Simulatoren für die Raumstation MIR und für das Transportraumschiff Sojus verbunden waren.

Zunächst lernten wir den genauen Aufbau und die einzelnen Bestandteile der Raumstation und des Rau,schiffes kennen. Wir müssen wissen, was sich wo befindet, welche Befehle von welchem Steuerpult gegeben werden, wie die elektrische Stromversorgung und die Wärmeregulation funktioniert. Genauso müssen wir selbständig in der Lage sein, eine Funk- oder Fernsehverbindung mil dem Kontrollzentrum herzustellen.

Dipl.-Ing. Franz Viehböck (links) und Dr. Clemens Lothaller (rechts) vor dem Simulator des Transport-Raumschiffes. Foto: BMBWK, Wien Besonderer Wert wurde verständlicherweise auf die lebenserhaltenden Systeme gelegt. Intensiv lernten wir daher, wie die Sauerstoffversorgung, die Wasserversorgung und die Versorgung mit Nahrungsmitteln an Bord funktionieren. Sehr wichtig sind auch die hygienischen Einrichtungen, die natürlich den Bedingungen der Schwerelosigkeit entsprechend konzipiert werden mußten. Bereits das einfache Händewaschen bereitet an Bord schon Probleme, da es kein fließendes Wasser im eigentlichen Sinn gibt. Das Wasser bildet sofort, wenn es aus dem Wasserhahn kommt, große Tropfen, die dann frei im Raum schweben.

Um diese wichtigen Gegenstände auch wirklich zu beherrschen, wurden in den Simulatoren viele praktische Beispiele auch mit verschiedenen Notsituationen durchgespielt. Im Herbst 1990 mußten wir fast wöchentlich eine Prüfung ablegen, womit unsere Freizeit abends sehr spärlich ausfiel. Wir beendeten im Jänner 1991 die theoretische Ausbildung und begannen ein intensives praktisches Training in den Simulatoren und mit den österreichischen Experimenten. Dieses Training erfolgte ab Juni bereits gemeinsam mit den sowjetischen Crews und wird bis September fortgeführt. In den Simulatoren wird der ganze Raumflug vom Start bis zur Landung mehrere Male durchgespielt, wobei zum Training natürlich auch entsprechend viele Notsituationen vorgegeben werden.

Dr. R. Ewald (links) und Dr. Clemens Lothaller (rechts) beim Schwerelosigkeitstraining während eines Parabelfluges. Foto: BMBWK, Wien Anfang September werden im Rahmen einer großen Abschlußprüfung, die vor einer staatlichen Kommission abgehalten wird, die Fähigkeiten und das Wissen der Crews überprüft. Im Ausbildungsprogramm sind natürlich noch viele andere praktische Übungen enthalten, mit denen man das Verhalten in Notsituationen erlernen solI. So absolvierten wir zum Beispiel Fallschirmsprünge oder im Winter bei minus 15 Grad Celsius ein Überlebenstraining. Dabei wurden wir zu dritt mit der Landekapsel in einen Wald gebracht. Mit Hilfe einer Notration Essen und Wasser, die an Bord vorhanden ist, und entsprechendem Notwerkzeug mußten wir zwei Tage überleben. Eine Hubschrauberbergung aus dem Wasser und vom Land und ein spezielles Überlebenstraining am Meer sollte uns an die Bedingungen einer Wasserlandung gewöhnen. Plangemaß landen die sowjetischen Landekapseln ja auf dem Land mit Fallschirm und Bremsraketen. Für die Vorbereitung auf die Schwerelosigkeit während des Raumfluges flogen wir in speziell adaptierten Flugzeugen sogenannte Parabelflüge. Diese Flugzeuge können für die Dauer von ca. 25 Sekunden, in denen man schwerelos ist, eine parabelförmige Flugbahn verfolgen. Ein Flug besteht aus zehn Parabeln, während denen wir bestimmte Koordinationsübungen durchführten oder trainierten, den Raumanzug an- bzw. auszuziehen.
Dr. Clemens Lothaller (links) und Dipl.-Ing. Franz Viehböck (rechts) zu Beginn des Winter-Überlebenstrainings. Foto: BMBWK, Wien Beginn der simulierten Wasserlandung bei Fiodossia im Schwarzen Meer. Foto: BMBWK, Wien
Da die Gesundheit ein ganz wesentlicher Faktor für Kosmonauten ist, wurden wir natürlich laufend medizinisch untersucht und kontrolliert. Jedes dritte Monat findet eine medizinische Untersuchung durch alle Fachärzte statt, und jedes Jahr müssen wir uns einer großen medizinischen Durchuntersuchung mit Tests in der Zentrifuge, in der Unterdruckkammer und am Drehstuhl unterziehen. Danach bestimmt eine große staatliche Ärztekommission die weitere Tauglichkeit als Kosmonaut.

Mitte September fahren wir gemeinsam mit den beiden Mannschaften eine Woche auf Erholung, und zwei Wochen vor dem Start fliegen wir zum Startgelände nach Baikonur, wo am zweiten Oktober der Start von Sojus TM-13 erfolgen soll.